Du hältst deine Yin Yoga Stellung und plötzlich ist da etwas: Tränen, Unruhe, Wut. Emotionen im Yin Yoga sind häufiger, als die meisten annehmen – und sie haben Gründe. Fünf, um genau zu sein.
Das Thema Emotionen im Yin Yoga auf einen Blick
Emotionen tauchen im Yin Yoga aus fünf Gründen auf, die zusammenkommen: die Stille, das ungewohnte Nichtstun, die enge Kopplung von Körper und Gefühl, die lange Haltezeit und ein Rahmen, der sicher genug ist.
Emotionen im Yin Yoga sind verbreitet und kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Sie zeigen sich beispielsweise in Unruhe, Gereiztheit, Müdigkeit oder auch Tränen.
Der grösste Faktor ist die Stille: Sie nimmt weg, was im Alltag alles übertönt.
Dazu kommt, dass langes Nichtstun ungewohnt ist – wir sind darauf schlicht nicht trainiert.
Körper und Gefühl sind gekoppelt: Dauerhafte Anspannung ist eine Form, die Stress im Körper annimmt. Deshalb wirken hüftöffnende Haltungen oft auch emotional.
Auch die Haltezeit selbst fordert – und der ruhige Rahmen erlaubt, was im Alltag keinen Platz hat.
Was hilft, wenn es dich erwischt: zulassen, beobachten, nichts erzwingen.
Manches davon wird in der Haltung sichtbar, was vorher schon da war – anderes entsteht überhaupt erst dort. Der Reihe nach, warum Emotionen im Yin Yoga entstehen; der erste Grund wiegt vermutlich am schwersten.
1. Die Stille nimmt weg, was sonst alles übertönt
Der stärkste Grund ist die Stille: Sie nimmt weg, was den ganzen Tag über lauter ist als alles Innere. Yin Yoga funktioniert anders als die meisten Yogastile. Du gehst nicht aktiv in eine Stellung, du lässt dich hineinsinken und bleibst. Oftmals drei bis fünf Minuten. Mit verschiedenen Hilfsmitteln richtest du dich so ein, dass du möglichst passiv bleiben kannst. Und dann? Erst einmal nichts. Keine Ansage, keine Korrektur, keine nächste Position. Für viele ist das der erste Moment seit Tagen ohne Aufgabe. Der erste Moment, in dem es nur darum geht, zu sein.
Und genau darin liegt der Unterschied. Tagsüber ist immer etwas lauter als das, was innen los ist. Die Arbeit, die Kinder, das Telefon, die To-Do-Liste im Kopf. Nicht, weil du verdrängst, sondern weil das Leben nun mal Lautstärke hat. Im Yin Yoga, in der Stille, fällt diese Übertönung weg und Emotionen und Gefühle zeigen sich. Was ohnehin da war, ist auf einmal das Lauteste im Raum.
2. Nichtstun ist eine ungewohnte Anstrengung
Yin Yoga ist ziemlich genau das Gegenteil von allem, was uns sonst beigebracht wird. Produktiv sein. Dranbleiben. Die Zeit nutzen. Das Beste rausholen. Nichtstun kommt in dieser Rechnung nicht vor – höchstens als etwas, das man sich vorher verdienen muss.
Für viele ist das passive Yin Yoga deshalb nicht entspannend, sondern zuerst einmal anstrengend. Kein Wunder: Sie sind schlicht nicht darin geübt. Wenn du also denkst, du seist zu unruhig für passives Yoga, dann ist das deine Einladung, das Nichtstun zu trainieren. Und dass ausgerechnet das Nichtstun überfordert, sagt weniger über uns aus als über das System, in dem wir auf Leistung trainiert wurden.
3. Anspannung und Stress sind dasselbe System
Hüftöffnende Haltungen – also Positionen, die den Bereich rund um Hüfte und Leiste weit werden lassen – gelten als besonders emotional. Das stimmt sogar, nur nicht aus dem Grund, der meistens genannt wird. Körper und Gefühl sind gekoppelt: Dauerhafte Anspannung ist keine Folge von Stress, sondern eine Form, die er im Körper annimmt.
Korrekt ist, dass in den hüftöffnenden Haltungen der Hüftbeuger Psoas eine grosse Rolle spielt. Den Psoas brauchen wir beispielsweise zum Wegrennen – und um uns klein zu machen, wenn wir zusammenzucken. Er ist also an genau den Bewegungen beteiligt, die mit Druck und Bedrohung zu tun haben. Wer über längere Zeit unter Druck steht, hält diese Muskeln entsprechend oft angespannt – ohne es zu merken.
Und hier liegen die meisten Erklärungen ein Stück weit daneben. Oft wird behauptet, dass der Körper Emotionen «speichert». Das ist – nach heutigem Kenntnisstand – nicht ganz korrekt. Es ist nicht so, dass Emotionen einfach so herausfallen, wenn man Yin Yoga übt.
Denk an einen zusammengebissenen Kiefer, wenn du wütend bist. Ist die Wut nun im Kiefer gespeichert und fällt heraus, sobald du locker lässt? Nein. Das Zusammenbeissen ist Teil des Wütendseins. Der Unterschied ist klein und er entscheidet alles: Anspannung ist Teil des Gefühls, nicht sein Aufbewahrungsort.
Mit der Hüfte ist es dasselbe, nur langsamer. Wenn du über Monate unter Druck funktionierst, ist die Spannung dort eine Form, die dieser Druck annimmt – wie der flache Atem oder die hochgezogenen Schultern. Und das erklärt, warum eine hüftöffnende Haltung mehr sein kann als Dehnen: Du beschäftigst dich minutenlang mit einer Körperregion, die in einem Stresszustand ist.
4. Die Zeit selbst tut etwas
Drei bis fünf Minuten in einer intensiven Dehnung können Widerstand, Ungeduld, Langeweile und manchmal auch richtige Wut erzeugen und deine Zeit in einer Haltung kann endlos wirken. Es ist die Natur des menschlichen Geistes, zu wandern und von einem zum anderen springen zu wollen. Und genau deshalb möchtest du mit dem Unbehagen vielleicht das machen, was im Alltag leichter geht: wegschieben, verhandeln, dich ablenken, aussteigen. Nur dass du jetzt eben in einer Yin Yoga Haltung bist.
5. Der Rahmen ist sicher genug
Yin Yoga bietet einen Rahmen für Emotionen, die im Alltag keinen Platz haben. Warum? Weil der Rahmen geschützt ist. Nach und nach entsteht ein Gefühl von Sicherheit. Denn vieles zeigt sich erst, wenn es sicher genug ist. Und was häufig unterschätzt wird: Die Zeit in einer Yin Yoga Stellung ist begrenzt. Du weisst, dass die Haltung in wenigen Minuten vorbei ist. Und gerade diese Begrenzung macht es sicher genug, etwas zuzulassen.
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Was tun, wenn im Yin Yoga Gefühle hochkommen? Erst mal nichts.
Wenn im Yin Yoga Gefühle hochkommen, ist der erste Schritt: nichts tun. Zulassen und beobachten, bevor du handelst. Der Impuls, ein Gefühl schnell wieder loswerden zu wollen, passt zu unserer modernen Leistungsgesellschaft frei nach dem Motto «schnell weitermachen». Diese Leistungsgesellschaft ist das genaue Gegenteil von Yin Yoga, denn hier stehen nach dem A.W.A.K.E.N.-Prinzip – einem Prinzip, das im Yin Yoga angewendet wird – zwei Schritte am Anfang, bevor überhaupt gehandelt wird: A wie allow, zulassen. W wie watch, beobachten.
Ganz praktisch heisst das: Lass Emotionen beim Yin Yoga zu. Das ist der erste grosse Schritt. Und dann beobachte. Atme weiter. Natürlich musst du die Haltung nicht um jeden Preis durchziehen und es ist in Ordnung, sie zu verlassen. Aber lass die Emotionen und Empfindungen erst einmal zu und beobachte, bevor du handelst. Dabei kann es dich unterstützen, innerlich zu benennen, was sich gerade zeigt. «Da ist gerade Traurigkeit.» Das ist Teil des Beobachtens: keine Bewertung, keine Erklärung, reines Zur-Kenntnis-Nehmen. Und sehr oft verändert sich damit bereits eine Empfindung.
Mehr zum A.W.A.K.E.N.-Prinzip erfährst du im Blogpost «Mit dem A.W.A.K.E.N.-Prinzip und Yin Yoga das Leben meistern».
Fazit
Dass sich Emotionen im Yin Yoga zeigen, ist absolut normal. Wenn du lange passiv in einer Haltung liegst und nichts machst, können sich Dinge zeigen, für die im Alltag kein Platz ist. Die fünf Gründe – Stille, ungewohntes Nichtstun, die Kopplung von Körper und Gefühl, die lange Haltezeit und der sichere Rahmen – wirken dabei selten einzeln, sondern zusammen. Manches wird erst hörbar, weil es endlich still genug ist. Anderes entsteht überhaupt erst in diesen Minuten. Und beides darf da sein. Diese Stille ist deine Einladung, zuzuhören und zu beobachten.
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Hi, ich bin Katharina!
Schön, dass du den Weg auf meinen Blog gefunden hast. Ich bin Yogalehrerin und unterrichte Yoga mit Tiefgang – alltagstauglich und fundiert. Keine fancy Verrenkungen an hippen Stränden – bei mir erwartet dich Yoga, mit dem du zur Ruhe kommst. Ich habe eine vierjährige Ausbildung beim Schweizer Yogaverband, bin Krankenkassen-anerkannt und unterrichte seit 2017 – mit spezifischen Ausbildungen in Yin Yoga und Yoga Nidra. Wenn ich nicht auf der Matte bin, mache ich Musik oder schwimme.
Häufige Fragen zu Emotionen im Yin Yoga
Ja. Es kommt häufig vor und ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Tränen sind dabei nur die auffälligste Form – Unruhe, Gereiztheit, plötzliche Müdigkeit oder Wehmut ohne Anlass gehören genauso dazu.
Weil der Psoas, der tiefste Hüftbeuger, sowohl unter Stress als auch beim vielen Sitzen unter Spannung steht. Eine hüftöffnende Yin-Haltung beschäftigt sich minutenlang mit genau dieser Region. Und weil Anspannung und Stresszustand zusammengehören, beschreiben viele, dass sich dabei nicht nur körperlich etwas verändert.
Faszien sind das Bindegewebsnetz, das Muskeln, Organe und Knochen umhüllt und miteinander verbindet. Dafür, dass sie Emotionen speichern, gibt es keinen Beleg. Belegt ist, dass Fasziengewebe sehr dicht mit Nervenendigungen durchzogen ist und dass bestimmte Rezeptoren darin auf langsamen, anhaltenden Druck reagieren. Gespeichert und wieder freigegeben wird dabei nichts. Körper und Gefühl hängen ohnehin zusammen, sie müssen nicht erst verbunden werden.
Faszien sind das Bindegewebsnetz, das Muskeln, Organe und Knochen umhüllt und miteinander verbindet. Dafür, dass sie Emotionen speichern, gibt es keinen Beleg. Belegt ist, dass Fasziengewebe sehr dicht mit Nervenendigungen durchzogen ist und dass bestimmte Rezeptoren darin auf langsamen, anhaltenden Druck reagieren. Gespeichert und wieder freigegeben wird dabei nichts. Körper und Gefühl hängen ohnehin zusammen, sie müssen nicht erst verbunden werden.
Du darfst, musst aber nicht. Beides ist in Ordnung. Wenn du herausgehst, dann langsam. Wenn du bleibst, dann ohne dich zusammenzureissen. Gib dir in jedem Fall erst einen Moment Zeit, die Gefühle zuzulassen und zu beobachten, bevor du handelst.
Yin Yoga schafft einen Raum, in dem du wahrnehmen kannst, was da ist – ohne es sofort verändern zu müssen. Das kann viel bewirken. Eine Therapie ersetzt es nicht und will es auch nicht. Wenn dich etwas immer wieder überfordert, solltest du über professionelle Begleitung nachdenken.